Publikationen
Die Behandlung drogenabhängiger Spätaussiedler
Die Behandlung drogenabhängiger Spätaussiedler im Rahmen einer Therapeutischen Gemeinschaft
Gruppenpsychother. Gruppendynamik 40, 2004, 47–64
In den vergangenen Jahren ist der Anteil junger Spätaussiedler aus den ehemaligen russischen Staaten mit ihren Anpassungsstörungen nach einer Migrationserfahrung deutlich angestiegen. Als schwierig erweist sich unter anderem, dass Spätaussiedler zum Teil hermetisch abgeschlossene subkulturelle Gruppen bilden, in welchen delinquenzfördernde Normen herrschen. Der Rückfall in der Einrichtung als gemeinsamer Konsum von Suchtmitteln erlangt die Funktion eines Identität stiftenden Rituals.
Es drohen regressive Entwicklungen, die unter anderem daran zu erkennen sind, dass sich Patienten aus der therapeutischen Beziehung zurückziehen, dass die offene Kommunikation verflacht, Konflikte nicht mehr ausreichend besprochen werden und die Therapeutische Gemeinschaft in Untergruppen zerfällt.
Es stellt sich daher die Frage, ob Kenntnisse über die psychohistorische und psychodynamische Situation von Spätaussiedlern und der psychologischen Phänomene von Migrationsprozessen zum Verständnis und zur Bearbeitung regressiver Entwicklungen und Schwierigkeiten der Integration in die Therapeutische Gemeinschaft ausreichen, oder ob es eines speziellen Behandlungsprogramms, unter Umständen auch besonderer Einrichtungen für diese Patientengruppe bedarf, um ihnen gerecht zu werden.
Am Beispiel von vier Großgruppensitzungen wird dargestellt, wie Untergruppenbildungen die Funktion eines Behandlungswiderstandes, insbesondere gegen die Auseinandersetzung mit der Suchtproblematik, erlangen können. Eine ausreichende Bearbeitung der migrationsspezifischen Identitätsstörung ermöglicht die Rückkehr zur Auseinandersetzung mit der Suchtthematik.
Gleichzeitig bietet der Rahmen einer inhomogenen Therapeutischen Gemeinschaft Spätaussiedlern die Möglichkeit, verdrängte oder verleugnete Aspekte ihrer Identität zu erleben.
